Ich kann die vorgetragenen Argumente gegen Antibiotika zwar verstehen, habe aber trotzdem einen kurzen konträren Impuls, weil man sich der Frage etwas differenzierter nähern kann.
Bei einer infizierten traumatischen Wunde stellt sich praktisch nicht zuerst die Frage „Virus oder Bakterium (oder Protozoe)“. Eiternde Wundinfektionen werden deutlich überwiegend durch Bakterien verursacht. Deshalb beginnt man bei einer schweren Wundinfektion oder drohenden Sepsis regelmäßig eine kalkulierte antibiotische Therapie, bevor der genaue Erreger bekannt ist, was auch nich ad hoc der Fall ist. Die Auswahl richtet sich nach Wundart, Verletzungsmechanismus, Verschmutzung, Exposition gegenüber Erde oder Wasser, Begleiterkrankungen und den wahrscheinlichsten Erregern. Ein Erregernachweis dient dann anschließend dazu, die Therapie gezielt anzupassen, ist aber keine Voraussetzung dafür, dass Antibiotika grundsätzlich wirken können.
Eine vorbeugende Antibiotikagabe ist bei einfachen, gut gereinigten Wunden regelmäßig weder erforderlich noch sinnvoll. Anders ist es eben bei stark verschmutzten oder tiefen Wunden, Bissverletzungen, offenen Frakturen, ausgedehnten Quetschungen, abgestorbenem Gewebe oder erheblich verzögerter Versorgung.
Kurzum: In einer „remote situation“ sehe ich die blinde Gabe eines Breitspektrum-Antibiotikums bei schwierigen Wunden oder dem Vorliegen von Entzündungszeichen ( zusätzlich zur Wundversorgung) äußerst entspannt. Die Nutzen-Risiko-Abwägung ist in dieser Situation klar pro Antibiotikum. Andersrum gesagt: Die unbehandelte Wundinfektion birgt das Risiko einer Sepsis, die wiederum unbehandelt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tödlich ausgehen wird. Die Nebenwirkungen des Antibiotikums sind in dieser Relation überschaubar.